Wer den Maibaum nur als bemalten Stamm mit Zunftzeichen betrachtet, übersieht das eigentliche Brauchtumselement: die Phase, in der er noch nicht steht. Solange der Baum gefällt, geschmückt und gelagert, aber noch nicht aufgerichtet ist, darf ihn die Nachbarschaft stehlen. Genau das ist die Regel, nicht ihr Bruch.
Die Regeln des Maibaumstehlens
Das Maibaumstehlen folgt einem ungeschriebenen, aber präzisen Kodex:
- Gestohlen werden darf nur, bevor der Baum steht. Ein aufgerichteter Baum ist tabu.
- Nur mit ehrlichen Mitteln, also ohne Gewalt und ohne Werkzeug, das den Baum beschädigt.
- Wer erfolgreich ist, hat keinen Anspruch auf den Baum, sondern auf eine Auslöse.
Das Lösegeld wird in Maß und Brotzeit bezahlt, nicht in Euro. Wer das nicht versteht, hat den Brauch nicht verstanden.
Die Auslöse wird traditionell nicht in Geld, sondern in Bier, Brotzeit und Bewirtung beglichen. Der Dieb gibt den Baum zurück, das bestohlene Dorf zahlt mit Geselligkeit. Beide Seiten gewinnen. Verweigert die bestohlene Seite die Auslöse, kann der Baum zum Schandbaum werden.
Das Bewachen
Daraus folgt die zweite, oft unterschätzte Hälfte des Brauchs: das Bewachen. In den Nächten vor dem Aufstellen sitzen die Burschen beim Baum, halten Wache und schlafen abwechselnd. Diese Nächte sind kein lästiges Anhängsel, sondern soziales Kernstück. Sie binden eine Dorfgemeinschaft oder ein Stadtviertel über Generationen zusammen.
Einordnung
Das Maibaumstehlen ist eines der wenigen Brauchtümer, in dem die Regelwidrigkeit die Regel ist. Es funktioniert nur, weil beide Seiten denselben ungeschriebenen Vertrag anerkennen. Wer den Baum zerstört oder die Auslöse verweigert, bricht den Brauch wirklich, der Diebstahl selbst tut es nie. Eine ausführliche Einordnung mit Quellen bietet das Archiv Brauchtum München.